Stolberg. Laut Polizei wurde am Freitagabend (4.4.) gegen 23 Uhr ein 19-Jähriger niedergestochen, der „wenig später im Krankenhaus seinen Verletzungen“ erlegen sei. Die Tat in der Stolberger Innenstadt sei als Folge von „Streitigkeiten zwischen zwei Personengruppen“ anzusehen, so die Polizei. Unterdessen heißt es zudem, Migranten hätten den Jugendlichen erstochen. Und rund 170 Neonazis marschierten am Samstagnachmittag (5.4.) in Stolberg zu einem „Trauermarsch“ auf. Für sie ist ihr „Kamerad“ längst für „die Bewegung“ gestorben. Längst kochen auch in Neonaziforen die Aggressionen hoch, beschwören Neonazis Rachephantasien von vielen ermordeten Migranten und Antifaschisten in Deutschland. Längst wird das Opfer als „Märtyrer“ verklärt, wird darüber diskutiert, nun alljährlich in Stolberg einen Gedenkmarsch abzuhalten, zu dem bundes- und europaweit mobilisiert werden soll. Während die NPD in Stolberg indes sagt, der 19-Jährige sei weder Mitglied gewesen noch Sympathisant, verbreiteten andere NPD-Verbände, er sei NPD-Sympathisant gewesen. Für die Vertreter der „Freien Kameradschaften“ und „Autonomen Nationalisten“ ist das Opfer indes einer der ihren.
Freitagabend tagte in einer Stolberger Gaststätte der NPD-Kreisverband Aachen. Auf der Jahreshauptversammlung wurde laut Partei der neue Vorstand gewählt. Alter und neuer Vorsitzender ist Willibert Kunkel, ebenso NPD-Ratsherr in Stolberg. Das spätere Opfer wird laut Kunkel ein NPD-Mitglied vor der Kneipe abholen, laut Wirt soll der junge Mann jedoch zuvor noch im Schankraum etwas getrunken haben. Kurz vor 23 Uhr verlassen dann der 19-Jährige und sein Freund, das 17-Jährige NPD-Mitglied, gemeinsam die Gaststätte. Nach Recherchen von „Klarmanns Welt“ handelt es sich bei dem 17-Jährigen um einen Jugendlichen, der sich nicht nur in der NPD bewegt, sondern ebenso im Umfeld rechtsradikaler Alemannia-Fans und –Hooligans, die sich teilweise der „Kameradschafts“-Szene oder den „Autonomen Nationalisten“ zuordnen. Der Jugendliche gab sich lange nach außen hin nicht als Neonazi zu erkennen und verkehrt in einem Freundeskreis, in dem derzeit gerade unter jungen Leuten ein Zulauf an neuen Rechtsextremisten festzustellen ist. Und während offenbar Freunde des Opfers in Web-Foren bestreiten, dass das 19-jährige Opfer, also der Freund des NPD-Mitglieds, politisch rechts gestanden habe, teilt die Polizei am Samstagabend in ihrem Polizeibericht mit, dass das „Tatopfer […] nach bisherigem polizeilichem Kenntnisstand eine Affinität zur rechten Szene hatte“.
Samstagnachmittag. Kunkel steht vor der Gaststätte im stark von Migranten bewohnten Stadtteil Mühle am Rande der Innenstadt. Hinter ihm liegt der Versammlungsraum, in dem die NPD ihre Sitzung abhielt – ausgerechnet in jenem Viertel also, über das Rechtsextremisten sich seit langem erzürnen, weil es ein angeblich rechtsfreier Raum nahe an der „No-Go-Area“ für Deutsche, und erst recht für „Nationalisten“ sei. Kunkel sagt gegenüber „Klarmanns Welt“ [1], das Opfer habe mit der rechten Szene nichts zu tun gehabt. Er habe nur seinen „Kumpel“ abgeholt, sagt Kunkel. Rund 700 Meter entfernt sei das Duo dann überfallen worden. „Fünf Ausländer“ hätten die beiden angegriffen, die doch nur „schmale Hemden“ seien. Einer der Täter habe „sofort“ sein Messer gezückt und den 19-Jährigen mit gezielten Stichen in die Brust getötet. Das 17-jährige NPD-Mitglied sei nach der Tat plötzlich mit Blut befleckter Kleidung und blutroten Händen wieder im Versammlungssaal erschienen. Am Tatort an der Birkengangstraße bemühte sich der Notarzt um das Leben des 19-Jährigen. Vergebens.
Und während andere NPD-Verbände noch verbreiten, das Opfer sei NPD-Mitglied gewesen oder Sympathisant oder zumindest aber Besucher der NPD-Versammlung, winkt Kunkel gegen 13 Uhr ab. Die Tat, sagt er und wiederholt es auf Nachfrage von „Klarmanns Welt“ noch einmal, habe mit der Versammlung nichts zu tun. Die Tat sei verwerflich, aber es handele sich wohl um „einfaches Rowdytum“ und „keine politisch motivierte Tat.“ Darin ist Kunkel sich zwar nicht einig mit vielen der „Kameraden“, zumindest aber teilweise mit den Ermittlern. Vorangegangen seien der Tat Streitigkeiten zwischen zwei Gruppierungen junger Leute in der Stärke von fünf bis sechs Personen, erklärt nämlich Oberstaatsanwalt Robert Deller. Der Grund für die Auseinandersetzung sei bislang noch nicht so weit ermittelt worden, dass er veröffentlicht werden könne. Sicher sei bislang lediglich, dass er „nicht im politischen, rassistischen oder einem ähnlich gelagerten Bereich liegt,“ diktiert der Pressesprecher der Aachener Staatsanwaltschaft einem Kollegen via Mobiltelefon in den Stenoblock.
Bis etwa 13.30 Uhr ist zumindest in Stolberg vor der NPD-Kneipe auf der Mühle keine Polizei zu sehen. Doch dann brausen VW-Busse der Einsatzhundertschaften mit Blaulicht durch die nahe liegende verkehrsberuhigte Zone. Herausstellen wird sich im Tagesverlauf, dass die Beamten aus Köln, Bonn, Bochum, Essen, Gelsenkirchen und Dortmund zusammengezogen wurden. Innerhalb weniger Minuten gleicht die Stolberger Innenstadt einem Heerlager der Polizei, Verkehrschaos inbegriffen. Während sich in und vor der NPD-Kneipe rund sechzig „Kameraden“ versammelt haben, sind zwischen sechzig bis hundert weitere Personen der NPD, der „Kameradschaft Aachener Land“, anderer „Kameradschaften“ sowie „Autonome Nationalisten“ aus dem Rheinland und dem Ruhrgebiet mit der Regionalbahn angereist. Sie formieren sich zu einer Art Spontandemonstration durch die Innenstadt, werden aber nach rund vierzig Metern von dem Großaufgebot gestoppt.
Unspektakulär wird es dazu später im Polizeibericht heißen: „Mit Beginn des Aufzuges kam es zu Ausschreitungen und Widerstandshandlungen gegenüber den Polizeikräften, in deren Verlauf sechs Polizeibeamten verletzt wurden. Der Täter konnte fest genommen werden.“ Laut Kollegen besprühten sich beide Seiten in einem heftigen Gerangel gegenseitig mit Pfefferspray, laut Neonazi-Veröffentlichungen hätten die Polizeibeamten auch ihre Schlagstöcke eingesetzt. Doch die Lage beruhigt sich wieder und nach Verhandlungen im strömenden Regen eskortieren die Ordnungskräfte die Neonazis in einem Polizeikessel durch Nebenstraßen. Die Neonazis skandieren Parolen wie „Deutschland den Deutschen – Ausländer raus!“ [2] und rufen vor Ladengeschäften von Migranten: „Wir kriegen euch alle!“ Die Stimmung ist aggressiv, als man schließlich vor der NPD-Kneipe eintrifft, stehen dort die „Kameraden“ im Regen und fallen in die Sprechchöre ein. An einen „Trauermarsch“ erinnert bis hierhin nichts.
Nach Verhandlungen mit der Polizei kann ein „Schweigemarsch“ an den rund 700 Meter entfernt liegenden Tatort durchgeführt werden. Weitestgehend still bewegt sich der Zug hinter dem Transparent mit der Aufschrift „Multikulti ist Völkermord“, flankiert von schwarzen Fahnen vorbei an Imbissen und Läden von Migranten. Diese stehen vor ihren Türen und schauen erstaunt, Polizeibeamte schicken sie jedoch zur Sicherheit in ihre Geschäfte zurück und weisen sie an, die Türen zu verschließen. Am Tatort angelangt formiert sich der Tross zu einem Kreis auf der Kreuzung vor dem Haus. Der 17-Jährige, über dessen „schwere Verletzungen“ man derweil in Neonaziforen noch spekuliert und fragt, ob er schon aus dem Krankenhaus entlassen sei, steht neben Willibert Kunkel, der eine Rede hält. Es heißt, Türken hätten den 19-Jährigen erstochen – doch längst ist von Behördenseiten durchgesickert, dass man Tatverdächtige gestellt habe und es Libanesen aus dem Nachbarort Eschweiler seien. Der 17-Jährige weint derweil kurz bei der Rede seines Vorsitzenden, verdrückt sich dann aber die Tränen und entzündet am Tatort Kerzen für das Opfer. Blumen werden niedergelegt, eine Schweigeminute abgehalten.
Hat sich Kunkel in seiner Rede eher gemäßigt gezeigt, spricht der zweite Redner, Dürens NPD-Chef Ingo Haller, schon eher die Gefühle der versammelten „Kameraden“ an. Wer derlei Taten begehe, wer sich nicht integriere, ruft Haller ins Rund, den müsse man ausweisen. Hier sei „deutsches Blut“ vergossen worden. Aber warum, ruft Haller, seien keine Bürger da, die sich gegen jene „Inländerfeindlichkeit“ engagierten? Wo seien denn die Lichterketten, rekurriert Haller gewohnte Argumente der rechten Szene. Man selbst werde eine „Großdemonstration“ in Stolberg organisieren, damit das Opfer nicht in Vergessenheit gerate. In Foren spekuliert man am Abend, dass man am Sonnabend, 12. April, aufmarschieren wird, doch unterdessen geistert das Datum des 26. April durch die Internet-Gemeinde. Haller selbst nennt in seiner Rede kein Datum, doch er schließt mit dem Ruf: „Deutschland uns Deutschen.“
Längst hängen Nachbarn und Schaulustige in vielen Fenstern. So richtig begreifen können sie offenbar nicht, was da vor ihrer Tür geschehen ist in der Nacht – und was da gerade geschieht. Hielten sie die etwa die Hälfte ausmachenden, schwarz gekleideten und mit Sonnebrillen, Kapuzen und Kappen halbwegs vermummt wirkenden jungen Leute zuerst für Linksextremisten, weist man sie nun darauf hin, dass das Neonazis seien, die den Kleidungsstil der Linken kopierten. Dass so viele „Autonome Nationalisten“ (AN) angereist sind, dürfte daran liegen, dass ANs aus Aachen und Herzogenrath in die NRW-Szene involviert sind und sich offenbar auch Sven Skoda, Neonazikader aus Düsseldorf, in die nächtliche Mobilisierung eingeschaltet hat.
Skoda redet nun zu den „Kameraden“, weitaus radikaler als Kunkel oder Haller. Er sagt dem Staat, den „Bullen“, der „Repression“ gegen „Nationale Sozialisten“ und den Migranten den Kampf an. Das Opfer nennt er einen „jungen Kameraden, der hier gestorben ist“, und zwar – so Skoda – nur aus dem Grund, weil er Deutscher gewesen sei. Ein Vertreter der ANs ergänzt nach Skoda, „einer von uns, von unserem Volk“ sei gestorben. Unklar bleibt dabei, ob die Szene das 19-jährige Opfer zum „Märtyrer“ verklären will, wie in den Foren. Unklar bleibt ebenso, ob das Opfer zwar nicht der NPD, wohl aber den ANs nahe stand, bisher aber diese Nähe vor einem Teil seiner Freunde verheimlicht hat und im Privaten nicht als Rechtsextremist oder Mitläufer zu erkennen war. Der 17-Jährige, der die Auseinandersetzung in der Nacht überlebte, erklärt nach Ende der „Mahnwache“ jedenfalls einigen Freunden – ANs aus dem Kreis Aachen –, wie vierzehn Stunden zuvor die Auseinandersetzung ablief. Einer seiner Zuhörer wird später im Web posten: „Kevin […] R.I.P – Nur die Besten sterben Jung!“
Die „Mahnwache“ endet gegen 14.45 Uhr. Nach Verhandlungen mit der Polizei steht fest, dass man geschlossen als Spontandemo zurück zu der Kneipe, und von dort aus die Bahnfahrer weiter zur Haltestelle in der Innenstadt ziehen werden. Der Demonstrationszug formiert sich und der Polizeikordon nimmt erneut Aufstellung. Es ist fast so, als habe jemand einen unsichtbaren Schalter umgelegt. Waren die rund 170 Neonazis kurz zuvor noch still und schienen zumindest die wenigen, die das Opfer persönlich kannten betroffen zu sein und zu trauern, verwandelt sich der Tross in eine aggressive Meute. „Frei – Sozial – und National“ schallt es durch die Straßen. „Nationaler Sozialismus – Jetzt!“ wird skandiert. Wieder gehen Streifenbeamte voraus, schicken die Migranten in ihre Geschäfte zurück und bitten sie, die Türen abzuschließen. Ein Laden lässt sogar aus Angst die einbruchssicheren Metall-Rollos herunter. Vor einigen Läden von Migranten entlädt sich die Wut vollends, die Neonazis rufen mit geballten Fäusten den hinter den Scheiben und Türen stehenden Migranten zu: „Türken haben Namen und Adressen. Kein Vergeben, kein Vergessen!“; „Wir kriegen Euch alle!“; „Deutschland den Deutschen. Wir sind das Volk!“; „Geht zurück nach Ankara!“; „Wir haben Euch was mitgebracht: Hass, Hass, Hass.“
Nachdem vor der NPD-Kneipe Teile der Rechtsextremisten zurück bleiben, ziehen die „Kameradschafter“ und ANs weiter zur Haltestelle der Regionalbahn und skandieren rechtsextreme und ausländerfeindliche Parolen. Dann fahren sie in Polizeibegleitung zum Bahnhof und steigen teilweise um in den Zug Richtung Köln. Gegen 16 Uhr ziehen sich die ersten Hundertschaften zurück. Die Polizei bleibt jedoch am Samstagabend weiterhin in der Stolberger Innenstadt präsent. Und auf Neonazi-Homepages und in deren Foren wird das Opfer „Kamerad“ genannt, wild über die Tat und die Täter spekuliert. Altermedia.de, eines der wichtigsten und einflussreichsten Neonazi-Portale, titelt noch in der Nacht: „Nationalist von vier Ausländern ermordet“. Sowie: „Nach Stolberger Mord-Nacht“.
Das Portal gibt zudem Dürens NPD-Chef Ingo Haller wider, dass dieser „auf Altermedia-Anfrage [sagte], dass nur [durch eine Großdemonstration] das Presseschweigen über den Vorfall gebrochen werden kann. Dass es die Mord-Nacht gestern überhaupt zu einer ausführlichen Berichterstattung in die regionalen Medien brachte, ist in erster Linie der gestrigen Spontandemonstration zu verdanken.“ Andere spekulieren in Szeneforen, der „Nationale Widerstand“ werde wohl auch zur Beerdigung „des Kameraden“ anreisen. [© Klarmann; Erste Fassung: Samstag gegen 9 Uhr; Update: 20 Uhr; zur Reportage erweitert: Sonntag, 15 Uhr]
[1] Auch im Rahmen von gemeinsamen Recherchen mit Lokal- und Online-Redakteuren des ZVA; siehe den Bericht, an dem Klarmann beratend mitarbeitete HIER (der Text wurde am Wochenende mehrfach aktualisiert/verändert).
[2] Wurde danach durch polizeiliche Auflagen in der „regulären“ Demonstration untersagt.